Wie in Stuttgart an Zwangsarbeit (nicht) erinnert wird
Es gibt in Stuttgart nur wenige Orte, wo an die NS-Zwangsarbeit erinnert wird. Und die Gestaltung dieser Erinnerungsorte ist mit wenigen Ausnahmen völlig unzureichend. Die Sprache bleibt sehr im Allgemeinen, konkrete Fakten, z. B die Namen von Firmen bleiben ausgespart. Viele dieser Orte sind zudem schwer zu finden.
Wir haben daher begonnen, diese Orte systematisch zu untersuchen mit der Frage: was leisten sie und was leisten sie nicht für die Erinnerung? Und was könnte konkret verbessert werden?
Diese Arbeit wollen wir bis Sommer 2026 abschließen. Die Ergebnisse sollen in einer Broschüre und hier auf der Website veröffentlicht werden. Die einzelnen Orte werden Sie dann im Untermenü Erinnerungsorte finden.
Weiter haben wir uns vorgenommen, die Erinnerungen an Zwangsarbeit im kollektiven Gedächtnis sowohl von Familien, als auch von Vereinen, Firmen und Institutionen zu sammeln und zur Sprache zu bringen. Haben z. B die Großeltern in ihrer Gärtnerei oder in ihrer Schreinerei Zwangsarbeiter beschäftigt? Hatten die Großeltern an ihrem Arbeitsplatz Kontakt mit Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern? Viele Herkunftsländer von eingewanderten Stuttgarterinnen waren im Krieg von Deutschland besetzt worden. Gibt es in Familien polnischer, französischer , ukrainischer oder russischer Herkunft Vorfahren, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren? Und sind diese Erinnerungen in den Familien und in den Communities präsent?
Solche Erinnerungen wollen wir in öffentlichen Veranstaltungen Raum geben, wir wollen sie dann auch hier im Untermenü "Zwangsarbeit im kollektiven Gedächtnis" veröffentlichen.
Anders wie z.B. in Berlin, Leipzig oder demnächst in München fehlt in Stuttgart ein zentraler Erinnerungsort zur NS-Zwangsarbeit. Die Gründung eines solchen Ortes in Stuttgart ist überfällig. Als Standort käme ein Ort im oder beim Alten Schloss in Frage, in dessen Hof der Umschlagplatz für ZwangsarbeiterInnen war, sozusagen der Stuttgarter ‚Sklavenmarkt‘. Denkbar wäre zum Beispiel auch ein Ort am Bahnhof, wo die ZwangsarbeiterInnen ankamen, analog zum Wegweiser in Bietigheim. Hier würden sich Räumlichkeiten im Bahnhofsturm (nach der Neueröffnung des Bahnhofs) anbieten. Ein solcher Ort würde auch an die an die Rolle der Bahn bei der Verschleppung der ZwangsarbeiterInnen erinnern.
Der neue Erinnerungsort müsste zweiteilig sein: ein Denkmal im öffentlichen Raum im Hof des Alten Schlosses und/oder im Bahnhofsbereich und ein Raum der Aufklärung und Auseinandersetzung mit dem Thema in einem Innenraum.
In das Engagement für einen solchen Ort sollte unbedingt die lokale Wirtschaft einbezogen werden. Stuttgarter Unternehmen sind auf Arbeitskräfte nichtdeutscher Herkunft angewiesen. Indem sie sich für die Gründung und Finanzierung eines solchen Erinnerungsortes einsetzen, können sie der Öffentlichkeit und ihren Beschäftigten zeigen, dass sie sich ihrer historischen Verantwortung gegenüber dem NS-Unrecht der Zwangsarbeit bewusst sind. In der Erklärung deutscher Unternehmen zum 80. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 2025 wird formuliert: "Heute übernehmen wir als deutsche Unternehmen Verantwortung, die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit sichtbar zu machen.". Wir werden sie beim Wort nehmen.