Überregionale Bezüge
ein kurzer Überblick
Als Hauptstadt von Württemberg spielte Stuttgart als Verwaltungsmittelpunkt und größter Industriestandort im Land mit vielen Firmen, die „kriegswichtige“ Güter produzierten, während der NS-Zeit eine über die Grenzen der Stadt hinaus wirkende Rolle. So gab es auch im Bereich der Zwangsarbeit zahlreiche Verflechtungen mit der näheren und weiteren Umgebung, auch über Württemberg hinaus.
Zangsarbeiter:innen von außerhalb kommen nach Stuttgart –
Stuttgarter Zwangsarbeiter:innen arbeiten außerhalb
Teilweise waren Zwangsarbeiter:innen außerhalb Stuttgarts untergebracht, arbeiteten aber in Betrieben in der Stadt. In der Hans-Schemm-Schule in Fellbach (heute Silcher-Schule) beispielswiese, die sich damals gerade im Rohbauzustand befand, waren Zwangsarbeiter untergebracht, die auch in Stuttgart arbeiteten, zumindest teilweise bei Daimler, wie die beiden französischen Zwangsarbeiter Jean Plessy (26.1.1904-5.9.1944) und Raymond Dore (5.9.1925-2.6.1944). Jean Plessy kam bei einem Fliegerangriff auf das Daimlerwerk in Untertürkheim ums Leben, Raymond Dore unter ungeklärten Umständen im Daimlerlager „Puppentheater“ in Sillenbuch1. Eine ganze Reihe von Zwangsarbeiter:innen wurde auch aus umliegenden Orten in Stuttgarter Krankenhäuser gebracht zur Behandlung, vor allem auch kleine Kinder, von denen viele dort verstarben2. Allein fünf russische Zwangsarbeiter aus einem Lager in Reichenbach an der Fils kamen bei einem Eisenbahnunglück am 2. November 1944 auf der Strecke zwischen Ober- und Untertürkheim ums Leben. Möglicherweise waren sie auf dem Weg zur Arbeit oder als Arbeiter an der Bahnstrecke dort eingesetzt3. Zwei italienische Zwangsarbeiter, Ricardo Anesa und Giuseppe Cofeno, waren im „Reichsbahnausbesserungswerk-Lager“ in Bad Cannstatt untergebracht. Am 6. April 1945 kamen sie bei einem Bombenangriff auf Schorndorf ums Leben. Da der 6. April ein Freitag war, waren die beiden Italiener dort mit Sicherheit nicht privat, sondern arbeiteten im Auftrag der Reichsbahn an den Bahnanlagen. Ihr Einsatz kostete sie das Leben. Ricardo Anesa war 21 Jahre alt4.
Zweigwerke Stuttgarter Firmen außerhalb der Stadt
Die großen Stuttgarter Firmen hatten auch Zweigwerke außerhalb der Stadt wie die Firma Mahle, zu der das Werk ELMA in Waiblingen gehörte, wo seit 1942 Flugzeugteile produziert wurden mit Einsatz von bis zu 300 russischen Zwangsarbeiter:innen, die in einem eigenen Zwangsarbeiterlager auf dem Wasen in Waiblingen untergebracht waren5. Die Firma ELMA hatte auch weitere Werke in Backnang (unter dem Namen „Elektron“) und in Neuhausen auf den Fildern6. Zur Bosch-Gruppe gehörte das Werk „Dreilinden Maschinenbau GmbH Kleinmachnow“, zwischen Berlin und Potsdam gelegen. Das Werk hatte im Dezember 1944 insgesamt 4303 Beschäftigte, davon waren 2591 (= 60,2%) Zwangsarbeiter:innen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlingen (rund 750 polnische Frauen) aus dem KZ-Außenlager Kleinmachnow. Dieses Außenlager des KZ Sachsenhausen wurde extra für die „Dreilinden Maschinenbau“ auf dem Werksgelände eingerichtet7.
Verlagerung von Stuttgarter Firmen gegen Ende des Krieges
Mit den zunehmenden Luftangriffen auf Stuttgart verlagerten viele Firmen ihre „kriegswichtige“ Produktion auch aus der Stadt hinaus in ländlichere Regionen, wo die Gefährdung durch Bombenabgriffe nicht so groß war. Teilweise wurden dabei auch Zwangsarbeiter:innen an die neuen Produktionsorte umgesiedelt und wichtige Produktionsmittel, die Maschinen, ebenfalls an sicherere Orte gebracht. Daimler-Benz beispielsweise verlagerte große Teile seines Werks in Untertürkheim an 21 Standorte, von Ludwigsburg oder Backnang im Norden bis Tailfingen im Süden des Landes. In Neckarelz beispielsweise wurde ein Gipsstollen extra ausgebaut, in dem die Daimler-Benz-Flugzeugmotorenwerke untergebracht wurden8. Porsche verlagerte im Spätsommer 1944 Teile seiner Produktion von Zuffenhausen nach Gmünd in Österreich9.
Die Gestapo-Zentrale im „Hotel Silber“ – Überwachung und Disziplinierung der Zwangsarbeiter:innen
Nicht zuletzt war Stuttgart aber auch mit der Gestapo-Zentrale im „Hotel Silber“ das Zentrum der Überwachung, Disziplinierung und Bestrafung der Zwangsarbeiter:innen in ganz Württemberg10. Von hier aus verwaltete die Gestapo u.a. ihre Arbeitserziehungslager in Kniebis-Ruhestein, Oberndorf-Aistaig (für Männer) und in Rudersberg (für Frauen), sowie das Gestapo-Gefängnis in Welzheim („KZ Welzheim“). Dorthin konnten Zwangsarbeiter:innen schon bei geringen Vergehen (z.B. Zuspätkommen bei der Arbeit, angeblich zu langsames Arbeiten) von der Gestapo auf unbestimmte Zeit eingewiesen werden11. Vor allem Zwangsarbeiter aus Osteuropa wurden auch häufig zum Tode verurteilt, wenn ihnen eine sexuelle Beziehung zu deutschen Frauen nachgewiesen wurde. Seit 1944 verschärften sich die Repressionen vor allem gegen die Zwangsarbeiter:innen aus Osteuropa nochmals und es genügte schon der Vorwurf des Diebstahls von geringen Mengen an Lebensmittel, dass ein Todesurteil verhängt wurde. Zum Teil wurden diese Hinrichtungen vor Ort im Land durchgeführt, nicht zuletzt zur Abschreckung anderer Zwangsarbeiter:innen12. Teilweise wurden die Opfer nach Welzheim gebracht und dort hingerichtet, zum Teil aber fanden Hinrichtungen auch in Stuttgart im Gerichtsgebäude in der Urbanstraße 18 A statt. Einige Hinrichtungen gab es beispielsweise auch im bzw. vor dem Lager auf der Schlotwiese in Zuffenhausen, wo am 12. September 1944 Terenty Lawrik, Paul Nikitin und Sergi Schibaew an der „Jahneiche“ nahe dem Lager auf der „Schlotwiese“ aufgehängt wurden13. Lawrik und Schibaew waren Zwangsarbeiter aus dem Lager in der Ostheimer Schule, Paul Nikitin Kriegsgefangener Pole (?, der Herkunftsort ist nicht eindeutig zu identifizieren) aus dem Kriegsgefangenen „Stammlager V A“ am südlichen Stadtrand von Ludwigsburg, wo vor allem polnische Kriegsgefangene untergebracht waren. Bereits am 30. März 1944 war ebenfalls in Zuffenhausen (auch an der Jahneiche oder im Lager „Schlotwiese?“) der russische Zwangsarbeiter Viktor Zygankow (*2.7.1920) hingerichtet worden, der bei den Vereinigten Kugellagerfabriken in Bad Cannstatt arbeitete.
Interesse an der NS-Zwangsarbeit in Stuttgart und weltweit
Eine besondere Form überregionaler Bezüge ergibt sich aus Anfragen von Nachfahren/ Kindern ehemaliger in Stuttgart eingesetzter Zwangsarbeiter:innen. So erhielt der Arbeitskreis Zwangsarbeit in Stuttgart Anfang 2025 Besuch einer Australierin, die auf Spurensuche nach dem Schicksal ihres Vaters Johannes Josephus Blijlevens war, der als niederländischer Zwangsarbeiter mit 18 Jahren Anfang 1945 in Stuttgart Zwangsarbeit leistete. Daher wissen wir auch von seinem Schicksal und können seine Kurzbiografie auf dieser Website veröffentlichen.
Wir hoffen natürlich, dass wir im Laufe der Zeit – angestoßen durch die Informationen auf dieser Website – noch mehr Informationen über das Schicksal von Stuttgarter Zwangsarbeiter:innen erhalten.
Autorin: Sonja-Maria Bauer
1 Vgl. „Liste der Verstorbenen“.
2 Ebd.
3 Ebd., Suche nach dem Datum 02.11.1944.
4 Stadtarchiv Schorndorf, „Sterbebuch 1945“ des Standesamts. Die Geburtsdaten und Herkunftsorte beider Männer konnten nicht ermittelt werden. In den Arolsen Archives gibt es mehrere Einträge zu Ricardo Anesa, in einem ist das Alter angegeben.
5 https://fgut.wordpress.com/bauwerke/wk2/werkluftschutz/betriebsverlagerungen/mahle-in-waiblingen/; A. Dietz, S. Frank, P. Gutheinz: Zwangsarbeit in Waiblingen 1939-1945, hg. von der Stadt Waiblingen, Waiblingen 2001.
6 Näheres zu ELMA: Stadtarchiv Waiblingen, VZE B1-1066 (dort auch der Hinweis zu Neuhausen), Hinweis und Recherche: Norbert Prothmann; zu Backnang vgl.: B. Trefz, in: Backnanger Jahrbuch – Beiträge zur Geschichte von Stadt und Umgebung, Bd. 33, hg. von F. Stroh u. B. Trefz, Backnang 2025 (auch diesen Hinweis verdanke ich Norbert Prothmann)
7 J. Bähr, P. Erker: Bosch. Geschichte eines Weltunternehmens, München 2013, S. 224f.; https://www.kleinmachnow.de/index.php?ModID=7&FID=3692.415.1&object=tx%7C3692.415.1; A. Martin, E. Czerwiakowski: Muster der Erinnerung. Polnische Frauen als KZ-Häftlinge in einer Tarnfabrik von Bosch, Berlin 2005.
8 D. Wein, V. Mall, H. Roth: Spuren von Auschwitz ins Gäu. Das KZ- Außenlager Hailfingen-Tailfingen, Schorndorf 2007, S. 32; allgemein: B. Hopmann, M. Spoerer, B. Weitz, B. Brüninghaus: Zwangsarbeit bei Daimler-Benz (= Zeitschrift für Unternehmensgeschichte), Stuttgart, 2. Aufl. 2017.
9 U. Viehöver: Ferdinand Porsche. Hitlers Lieblingskonstrukteur, Wehrwirtschaftsführer und Kriegsgewinnler, in: Hermann G. Abmayr (Hg.): Stuttgarter NS-Täter. Vom Mitläufer bis zum Massenmörder, S. 238-267, bes. S. 255.
10 Vgl. dazu den Ausstellungsraum in der Gedenkstätte „Hotel Silber“ zur Zwangsarbeit.
11 Beispiele für Rudersberg vgl. S.-M. Bauer: Zwischen Demokratie und Diktatur: Die Jahre 1919-1945, in: ebd., in: S. Lorenz u.a., Rudersberg. Das mittlere Wieslauftal und seine Ortschaften, Sigmaringen 1995, S. 206-241, 311-314, bes. S. 238-241; sowie allgemein: I. Bautz, S. Brüggemann, R. Maier (Hgg.): Die Geheime Staatspolizei in Württemberg und Hohenzollern, Stuttgart 2018.
12 Zur Verfolgung, Disziplinierung und Bestrafung von Zwangsarbeiter:innen allg. vgl. R. Maier, in: Bautz u.a. (wie Anm. 9), S.338-380, S. 379f. eine [noch zu ergänzende] Liste von Hinrichtungsorten in Württemberg.
Vgl. dazu die Namen in der „Liste der Verstorbenen“ (Stichworte „hingerichtet“ und „Hinrichtung“) bzw. die Kurzbiografie von Terenty Lawrik; vor allem auch die Ausstellung „NS-Justiz in Stuttgart“ des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg im Stuttgarter Landgericht, wo der 423 Opfer von Hinrichtungen in Stuttgart 1939-1945 gedacht wird. Für die Hingerichteten an der Jahneiche in Zuffenhausen gibt es seit Januar 2025 eine Gedenktafel, vgl. gruene-zuffenhausen.de/2025/01/30/die-geschichte-der-jahneiche/).