Orte der Zwangsarbeit

Zwangsarbeit für die Wirtschaft im NS-Staat war allgegenwärtig und überall zu sehen, mal mehr und mal weniger offensichtlich. In einer Industriestadt mit ländlichen Rändern wie Stuttgart berührte sie die Lebensrealität der meisten Einheimischen. Sie wirkte dadurch als Beobachtung und Begegnung in die Mehrzahl der hier lebenden Familien und Haushalte.

Ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung kam während des Krieges mit Zwangsarbeiter:innen in Kontakt. Zur Zwangsarbeit nach Stuttgart erpresste und verschleppte Menschen arbeiteten im Baugewerbe, der Energiewirtschaft, bei kleinen Firmen, in Handwerksbetrieben, in Gärtnereien, der örtlichen Land- und Forstwirtschaft, bei Speditionen, an den Hochschulen, in den Haushalten von Partei- und anderen Funktionären und höher gestellten Persönlichkeiten, sowie mit Zunahme der Luftangriffe in rapide wachsender Anzahl in den Straßen zum Bomben- und Trümmerräumen, Leichen bergen, bei Notreparaturen an Gebäuden und schließlich auch zur Unterstützung beim Bau vieler Luftschutz-Stollen, die von der Bevölkerung ab Spätsommer 1943 in Stuttgart errichtet wurden.

Auch die Unterbringung fand in vielen Fällen in direkter Nachbarschaft zur einheimischen Bevölkerung statt: In den Kleinbetrieben oft mit den Deutschen unter einem Dach oder im gleichen Anwesen, bei einer Reihe von Fabriken, die damals noch oft inmitten von Wohngebieten standen, auf oder neben dem Werksgelände, in mindestens 25 Gaststätten und Hotels, die wir bislang als Zwangsarbeiterunterkünfte identifizieren konnten, sowie später in mindestens 19 Schulen und Schulhäusern, in denen kein Unterricht mehr stattfand.

Eine größere Zahl von Zwangsarbeiter:innen aus West- und Südeuropa war in Kammern, Zimmern und Wohnungen in Mehrfamilienhäusern einquartiert. Selbst manche der großen Zwangsarbeiter-Lager wurden direkt neben Wohngebieten errichtet, wie die beiden Bosch-Lager Lehmgrube und Mähdachstraße in Weilimdorf. Dieses war von den höher gelegenen Wohngebäuden am nördlichen Ortsrand Weilimdorfs direkt einsehbar.

Wir haben beim Aufbau unserer interaktiven Karte mit den Unterkünften begonnen, um die Allgegenwärtigkeit der Unterbringung zu verdeutlichen. Manche dieser Orte sind zugleich auch Arbeitsstätten. Das haben wir in die Karte eingearbeitet. Eine Vielzahl von Arbeitsstätten wird im Laufe der Zeit noch hinzukommen.

Der größte Ort der Zwangsarbeit ist in der Karte nicht namentlich erwähnt. Es war der öffentliche Raum des gesamten Stadtgebiets, wo täglich Kolonnen von Arbeitskräften aus Osteuropa zu Fuß zu ihren Arbeitsorten und zurück gehen mussten, und wo nach Luftangriffen Bergungs-, Räum- und Instandsetzungskommandos des städtischen Tiefbauamts die Straßen freimachten und Notreparaturen durchführten.