Was bildet diese Karte ab?
Die Karte bildet unseren aktuellen Stand der Forschungen (01/2026) zu Zwangsarbeitslagern auf der heutigen Gemarkung der Stadt Stuttgart während des Zweiten Weltkriegs 1939-1945 ab. Sie zeigt aktuell mehr als 200 Unterkünfte und Lager von ausländischen Zwangsarbeiter:innen, die im städtischen Großraum in dieser Zeit im Einsatz waren.
Ein „Lager“ konnte ein typisches Barackenlager sein, aber auch ein umgenutzter Gasthof, eine Turnhalle, ein Dachboden oder Schuppen auf einem Fabrikgelände, eine private Unterkunft oder ein Vereinsheim. Die Unterkünfte waren unterschiedlich groß – eine Markierung in der Karte kann für eine kleine Unterkunft von drei Zwangsarbeiter:innen, aber auch für ein Barackenlager mit 3.000 Personen stehen.
Die Karte ist nicht fertig und vermutlich nicht fehlerfrei. Sie wird fortlaufend mit neuen Forschungserkenntnissen ergänzt und erweitert.
Wofür stehen die verschiedenen Farben?
Die Farben markieren die verschiedenen Kategorien der Zwangsarbeiter:innen und ihrer Unterbringung.
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Zivile Zwangsarbeiter:innen wurden durch das Arbeitsamt an ihren Einsatzort vermittelt und in verschieden großen Unterkünften und Lagern (gelb) untergebracht. Für die Unterbringung und Versorgung der Zivilarbeiter:innen waren die Arbeitgeber:innen zuständig.
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Kriegsgefangene unterstanden der Wehrmacht und waren in entsprechenden Kriegsgefangenenlagern (dunkelgrün) oder Wehrmachtseinrichtungen (insbesondere den FLAK-Batterien) untergebracht. In Stuttgart gab es städtische Kriegsgefangenenlager (gelb).
Auf Weisung Hitlers erhielten im Juni 1940 alle polnischen Kriegsgefangenen den Status "Zivilarbeiter". Auch viele Kriegsgefangene aus Frankreich, den Niederlanden und Belgien behielten den Krieggefangenen-Status nicht den ganzen Krieg über. Ihre Unterbringung variierte in der ganzen Bandbreite, wie oben beschrieben (gelb). In ländlichen und Handwerksbetrieben lebten sie auch oft mit den deutschen Arbeitgeber:innen unter einem Dach (orange). -
Arbeitsorte sind orange markiert.
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Private Unterkünfte wie Kammern, Zimmer, Wohnungen sind hellgrün markiert.
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Im Stadtgebiet von Stuttgart gab es keine KZ-Außenlager. Es gab aber drei Orte, wo temporär KZ-Häftlinge untergebracht waren, die in Stuttgart eingesetzt waren (blau). Diese Arbeitskommandos waren der SS unterstellt.
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Lager und Unterkünfte für befreite Zwangsarbeiter:innen nach Kriegsende (Displaced Persons) sind rot.
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Gedenk- und Erinnerungsorte sind pink markiert.
- Sonstige Orte (z.B. Arbeitserziehungslager) sind grün markiert.
Woher kommen die Informationen?
Die Datengrundlage dieser Karte bilden Akten des Stadtarchivs Stuttgart, des Staatsarchivs Ludwigsburg, der Arolsen Archives, der National Archives and Records Administration (NARA) und weiterer Archive u.a. benachbarter Städte und Gemeinden, Firmenarchiven, sowie die Auswertung von von historischen Stadtplänen und Publikationen zum Thema. Hinzu kommen Dokumente (z.B. Briefe oder Tagebüchern) ehemaliger Zwangsarbeiter:innen, Erinnerungen von Zeitzeug:innen, Forschungen und Sammlungen von Heimat- und Geschichtsvereinen, von Ortschronist:innen, Studierenden, Historiker:innen und anderen Gedenkstätten. Darüber hinaus haben wir über mehrere Jahre in weiteren Quellen nach einschlägigen Informationen geforscht.
An dieser Stelle möchten wir uns bei allen Beteiligten sehr herzlich bedanken, die das Rechercheprojekt in den vergangenen Jahren unterstützt und mit ihrer Expertise bereichert haben.
Warum gibt es zu manchen Orten keine Informationen?
Nicht zu allen Lagern, die in Stuttgart bestanden, sind Dokumente und Informationen erhalten geblieben. Der Stadtplan ist daher unvollständig und zeigt nur die bekannten Lagerstandorte nach unserem heutigen Wissensstand. Durch die bruchstückhafte Überlieferung lässt sich bei einzelnen Lagern zudem der genaue Standort nicht mehr bestimmen oder der früheren Hausnummer eindeutig zuordnen. In solchen Fällen wurde der Standort näherungsweise bestimmt und in der Karte die vage Ortsbestimmung vermerkt.
Lagerorte, die wir bisher nicht lokalisieren konnten, sind nicht auf der Karte verzeichnet. Wir werden diese aufnehmen, wenn eine Lokalisierung zweifelsfrei möglich ist.
Was bildet die Karte nicht ab?
Die Karte zeigt alle bekannten Lagerstandorte im Zeitraum 1939-1945. Die Lager wurden zu unterschiedlichen Zeiten eingerichtet oder wieder aufgelöst und haben nicht alle gleichzeitig existiert. Der zeitliche Verlauf ist auf dieser Karte jedoch nicht sichtbar.
Die Karte rückt die Lagerstandorte in den Fokus. Die Arbeitsorte der Zwangsarbeiter:innen sind größtenteils nicht markiert: Rüstungsfabriken, Handwerksbetriebe, städtische Eigenbetriebe oder öffentliche Einrichtungen. In den Detailinformationen zu den einzelnen Lagern sind sie aber als „Träger“ genannt.
Der Zwangsarbeitseinsatz im Stuttgarter Umland, also Nachbarstädten und - gemeinden ist bisher nicht abgebildet. Einsätze in der Landwirtschaft, Hauswirtschaft, Handwerks- und Kleinbetrieben sind auf dieser Karte nur lückenhaft abgebildet, da dazu bisher nur wenig Forschungserkenntnisse vorliegen. Das gilt auch für Privatunterkünfte von Zwangsarbeiter:innen aus Westeuropa.
Fazit
Die Karte verdeutlicht den Charakter von NS-Zwangsarbeit als Massen- und Alltagsphänomen. In der Kriegswirtschaft wurden Zwangsarbeiter:innen in fast allen Arbeitsbereichen eingesetzt, und ihre Unterkünfte verteilten sich über das gesamte Stadtgebiet. Viele der Lager befanden sich in direkter Nachbarschaft zu den Wohnquartieren der deutschen Bevölkerung. Diese Alltagsnähe zeigt sich nicht nur räumlich an den Standorten der Lager, sondern lässt sich vor allem an der Umnutzung von Turnhallen, Schulen, Gaststätten und Vereinsheimen als Lagerunterkünfte ablesen. Kontakte zwischen Zwangsarbeiter:innen und Deutschen waren zwar verboten, aber aufgrund der räumlichen Dichte unvermeidbar und auch keine Seltenheit. In den Betrieben waren diese Kontakte Notwendigkeit und Normalität. Zwangsarbeit war ein sichtbares und öffentliches Verbrechen.